Als wir im vergangenen Herbst mit Schaufeln, Rechen und drei Säcken Saatgut am Ortsrand standen, waren wir ehrlich gesagt nicht sicher, ob das etwas wird. Der Boden war ausgelaugt, die Fläche jahrelang nur gemulcht worden, und die Skeptiker im Dorf hatten ihre Wetten längst abgeschlossen. Ein Jahr später kann ich sagen: Es hat sich gelohnt – und zwar mehr, als wir gehofft hatten.

Wie alles anfing

Die Idee entstand, wie so vieles bei uns, am Rande einer Ortsratssitzung. Die rund 500 Quadratmeter große Grünfläche an der Ortseinfahrt wurde bis dahin sechsmal im Jahr gemäht – das kostet Zeit, Sprit und am Ende Steuergeld. Gleichzeitig hört man überall vom Insektensterben. Also haben wir vorgeschlagen, dort eine mehrjährige Blühwiese mit heimischen Wildpflanzen anzulegen.

Unterstützt wurden wir von der Jagdgenossenschaft, die uns Maschinen und helfende Hände zur Verfügung gestellt hat, und vom NABU-Kreisverband, der uns bei der Auswahl des Saatguts beraten hat. Wichtig war uns von Anfang an: regionales Wildpflanzen-Saatgut statt bunter Baumarkt-Mischungen, die zwar hübsch aussehen, aber nach einem Jahr wieder verschwunden sind.

Die Arbeit im ersten Jahr

Eine Blühwiese macht weniger Arbeit als ein Rasen – aber nicht keine. Im ersten Jahr standen diese Aufgaben an:

  • Boden vorbereiten: Grasnarbe abtragen, fräsen, zwei Wochen ruhen lassen und dann noch einmal oberflächlich bearbeiten.
  • Aussaat im Oktober: rund zwei Gramm Saatgut pro Quadratmeter, mit Sand gestreckt, damit es sich gleichmäßig verteilen lässt.
  • Anwalzen statt Einharken: Viele Wildblumen sind Lichtkeimer. Sie brauchen Bodenkontakt, aber keine Erde obendrauf.
  • Schröpfschnitt im Frühjahr: Im Mai haben wir einmal hoch gemäht, damit schnell wachsende Gräser die jungen Pflanzen nicht überwuchern.
Violette Blüten in Nahaufnahme
Im Juli zeigten sich die ersten Glockenblumen und Wegwarten. (Foto: Beispielbild)

Was jetzt dort blüht

Im Juni kam dann der Moment, auf den wir alle gewartet hatten. Zuerst zeigten sich Klatschmohn und Kornblumen, dann Margeriten, Wiesensalbei, Wilde Möhre und Natternkopf. Bei unserer Zählung im Juli haben wir 34 verschiedene Pflanzenarten gefunden – vorher waren es auf derselben Fläche gerade einmal sieben.

„Ich gehe jetzt jeden Morgen mit dem Hund extra den Umweg über die Wiese. Da ist immer etwas los.“ – eine Nachbarin aus der Lindenstraße

Noch schöner als die Blumen ist allerdings, wer sie besucht. Wildbienen, Hummeln und Schwebfliegen sind von früh bis spät unterwegs. An einem warmen Julitag saß sogar ein Distelfalter auf der Wilden Möhre – für die Kinder aus der Kita, die uns an diesem Tag besucht haben, das Highlight des Ausflugs.

Unsere Zählung in Zahlen

  1. 34 Pflanzenarten – vorher waren es 7
  2. 11 Wildbienenarten, bestimmt mit Hilfe eines Experten vom NABU
  3. 9 Tagfalterarten, darunter Schachbrett und Hauhechel-Bläuling
  4. 0 Euro Mähkosten für die Gemeinde in diesem Sommer

Was nicht so gut lief

Ganz ohne Rückschläge ging es natürlich nicht. Der trockene April hat einen Teil der Keimlinge gekostet, und an der Straßenseite hält sich die Quecke hartnäckig. Dort werden wir im Herbst noch einmal nachsäen. Außerdem haben wir gelernt, dass ein kleines Schild Wunder wirkt: Seit dort steht, dass es sich um eine Blühwiese handelt, wurde sie kein einziges Mal versehentlich gemäht.

Trockene Gräser und Samenstände im Spätsommer
Im Spätsommer bleiben die Samenstände bewusst stehen – sie sind Futter und Winterquartier. (Foto: Beispielbild)

Wie es weitergeht

Der Gemeinderat hat im September beschlossen, das Projekt fortzuführen und im kommenden Jahr zwei weitere Flächen umzuwandeln: den Grünstreifen am Friedhof und die Böschung hinter dem Feuerwehrhaus. Dafür suchen wir noch Helferinnen und Helfer.

Mitmachen können alle, ganz ohne Vorkenntnisse. Der nächste Arbeitseinsatz ist für Samstag, den 17. Oktober, ab 10 Uhr geplant. Für Rechen, Getränke und Bratwurst ist gesorgt. Wer mehr über das Thema wissen möchte, findet beim NABU gute Anleitungen für den eigenen Garten.

Ein herzliches Dankeschön an alle, die im vergangenen Jahr mitgeholfen, gegossen, gezählt und fotografiert haben. Ohne euch würde dort heute noch Rasen wachsen.